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Sonntag, 21. Februar 2016

Du erwachst in einem fremden Raum und willst dich waschen. Im Bad findest du ein Drei ???-Fan-Duschgel und ein wasserdichtes Kassettendeck.

Mittwoch, 17. Februar 2016

Du fährst heim, dein Mund ist brötchenrau. Im Radio läuft was von Wolfsheim. Dir wird übel vom Dieselgeruch.
Bald kommt das neue Anno-Spiel.

Dienstag, 16. Februar 2016

Und dann saß ich auf dem gefliesten Küchenboden, aß meine runtergesetzten Wasabinüsse und das Brennen war Strafe und Belohnung zugleich.

Sonntag, 10. Januar 2016

Abstehende Haare.
Aufback-Ciabatta.
Sand in den Augen.
Eine Erdnuss vom Boden aufheben.
La Isla Bonita hören.

Montag, 9. November 2015

Durchlässigkeit ist auch Lässigkeit. Nur eben in verspannt.

Samstag, 10. Oktober 2015

Wenn Farin Urlaub singt, dass der Himmel blau sei und der "Rest meines Lebens" vor mir läge, stelle ich mir diesen Rest als eine Pfütze vor.

Montag, 21. September 2015

Til Schweiger sitzt gerade nackt vorm Volksnotebook und probiert in After Effects (30 Tage-Testversion) neue Mündungsfeuereffekte aus.

Samstag, 19. September 2015

Rauminstallation in leerem Büro: "Arbeitsplatz. Frisch gestrichen. Nicht anfassen." Mit bunten Kinderhandabdrücken an den Wänden.

Donnerstag, 17. September 2015

"Hände gleiten über ein E-Piano, alle lächeln selig: Endlich eine Musik, die Erik Saties schlichte Emotionalität mit der rauen Energie von Liquido vereint."

Freitag, 15. Mai 2015

Nachtwache / Nachtbeichte

Sitze im Dunkeln auf dem rotgeblümten Klippan in der Küche und gebe mich einer Minigolf-Simulation hin. Ich liebe Minigolf. In einer halben Stunde steht Darling auf, um einen Zug im Morgengrauen zu nehmen. Ich werde mit zum Bahnhof gehen und danach dann schlafen. Drei Uhr ist meine Müdigkeitsgrenze, ab da müssen, bei Wachzyklusverlängerungswunsch, Schokotaler in den Vinzmünzschlitz eingeworfen werden. Vinmünschlitz. Klingt wie ein Ort in Brandenburg. Mit sehr hoher Arbeitsmoserigkeit. Aber alle pflegen zusammen liebevoll den Minigolfplatz.
In vier Minuten dann der Adventure Time-Weckton aus dem anderen Zimmer. Noch keine Müdigkeit. Danke, ungesundes Bildschirmlicht.

Später das Geräusch bitterlichen Weinens eines Menschen, der gezwungen ist, eiskalt zu duschen. Das kriegst du niemals wieder aus dem Kopf.

Donnerstag, 14. Mai 2015

M*nnertag

Make-up gegen Männertag.
Fruchtigkeit gegen Fleisch.
Blässe gegen feuchtfröhliche Nässe.
Blasierheit gegen Bumsfidelität.

Mittwoch, 22. April 2015

Heute im Führungskräftevideokurs "Machtmoves mit dem Bürostuhl":
Sich kräftig vom Tisch abstoßen und an ALLEN Mitarbeitern vorbeirollen.

Morgen im Führungskräftevideokurs "Machtmoves mit dem Bürostuhl":
Den Hintern kurz anheben und lautstark wieder ins Polster krachen lassen.

Übermorgen im Führungskräftevideokurs "Machtmoves ohne Bürostuhl":
Whiteboard mit billigstem Fensterreiniger wienern.  Geruch wirken lassen. Durch den Billigfensterreinigergeruch werden bei 80% der Mitarbeiter traumatische Erinnerungen frei. So ein Angstschub motiviert ungemein!

Mittwoch, 15. April 2015

Hier heißt es nüchtern "Nervensystem", aber mit "nervous system" kann ich mich viel besser identifizieren.

Donnerstag, 19. März 2015

Husch, ins Bett!

"Hausarzt" leitet sich vom Wort "Hausch" ab, das wiederum vom altdeutschen Begriff "Huschen" für "Pfuschen" abstammt. Pfuscharzt. Wie wahr.

Bei Arzt #1
"Mich hat ein Pferd abgeleckt und dann sind wir fiebrig in den Sonnenaufgang geritten, nebeneinander." - "Ich schreibe ihnen Ibuprofen auf."

Bei Ärztin #2
"Meine Mami war ein Mähdreschroboter zu LPG-Zeiten und hat mir rostige Schaltkreise vererbt. Örg." - "Ein paar Tage Bettruhe werden helfen."

Dienstag, 24. Februar 2015

Moronische Jugend

In unserer Jugend chatteten wir nur mit coolen Celebs. Der Drummerin von Debbie Rockt!, Nils D., Helene H. - wir waren so scheiße.
Nils verbot uns irgendwann, die Sticker, die wir aus seinen Bildern gemacht hatten, weiter bei DaWanda zu verkaufen. Ich kann es verstehen. Die Drummerin fand unser Zine bald schlecht, also bereits bei der zweiten Ausgabe und sorgte sich um die Bäume, die dafür gefällt wurden. Sie rechnete alles in Büchsen um, von denen man ja tagelang leben könne: "Euer Zeug ist Luxuskram, davon kann ich eine Woche Fisch essen!"

Enie bringt Kuchen


Samstag, 24. Januar 2015

Halbtrunken in Stadt Wehlen

Die Elbe ist ein gräuliches Band, wir fahren parallel dazu im Auto entlang. Wollten eigentlich nur spazieren. Fluß, Straße, dann ein Riegel Häuser, dann die ehemaligen Steinbrüche.Vater erzählt von den Großeltern, wie sie 1948 nach der Vertreibung aus Ungarn hier landeten, bei einer älteren jüdischen Frau im Haus wohnten. Er spricht auch über Großvaters mentale Probleme, aber das sei alles ein Geheimnis in der Familie. Ich frage nach Tagebüchern. Die halte, falls es sie überhaupt gebe, Oma unter Verschluss. Kommen in Stadt Wehlen an. Die tschechische Grenze ist nicht sonderlich weit. Bis zum Grenzübergang Schmilka sind es vielleicht 20 Kilometer. Wir haben beide kein Talent, schöne Cafés auszusuchen. Ich möchte etwas mit Schuss. Neben uns eine Großgruppe von Kleinkindern, die ständig erzählen, auf wen sie als nächstes schießen möchten. Ich werde verschont.

Neulich sah ich eine Futtertalentschau auf RTL. Die Jury so: "Dieses Essen würde gut zu einem Büffet im Swingerclub passen." Das war schön.

Wir werden von Elvira bedient.
"ES BEDIENTE SIE: Elvira", sagt auch der Bon.
Wanke nach draußen, schnupper die Pirnaer Winterluft. Elvira muss hier bleiben. Och...

Elvira kommt schon klar.
Vielleicht hat sie ja einen Ehemann in der IT-Bronsche, der ihr zart im Bett zuflüstert: "Avira-Elvira, du bist mein Lieblingsvirenscanner."
Dann treffen wir auf der Landstraße Onkel Anton. Der spielte früher Fagott in der Komischen Oper Berlin.
Du, Elvira, träumst du von Berlin?

Kalter Samstag

Habe gerade den falschen Zug erwischt, wollte nach Dresden. Nun! Hallo, Hohenstein-Ernstthal, hier gibt es doch sicher eine Wartehahahahahahahaha...
Ich sehe mich um, habe nun eine Stunde Zeit. Mich friert es in meiner sexy Bomberbluse. War, wie so oft, nicht auf Wartezeiten programmiert. Dicke Jacken schützen, aber dafür bestrafen sie auch. Mit Hitzewallungen und Unbeweglichkeit. Bei perfekter Planung braucht man sie nicht.

Ein Golden Toast-Laster fährt vorbei. Ich fotografiere eine Norma-Tüte. Fahre Fahrstuhl. Es gibt doch eine Wartehalle. Natürlich ist sie zu. Überall Wildwest-Wandbilder. Von Dampfloks und Indianern.
Hohenstein ist Karl Mays Geburtstadt. Suche mir auf dem Stadtplan eine coole Adresse raus. Spiele das Szenario durch, hier bleiben zu müssen. Am Hasenhügel klingt gut. Oder Am Fuchsgrund!
Männer mit orangen Kapuzen werfen mir finstere Blicke zu. Möchte meinen Haarwirbel bedecken. Verschmelze nun mit einem Karl May-Wandbild.
Doofer Haarwirbel am Hinterkopf als Brandzeichen und Sollbruchstellenmarkierung, damit Schläger wissen, wohin mit dem Baseballschläger.

Kurz vorm Kältetod erscheint einem Sue White aus Green Wing und nimmt einen in ihre vier Meter langen Arme. Dann wird alles dunkel und warm.

Dienstag, 20. Januar 2015

Man nennt mich auch Vi, die Baronesse von Lynchhausen, weil meine Texte manchmal erlogen sind. Und etwas unheimlich. Manchmal bin ich auch ein süßes, dickes Flugzeug.
Morgen sage ich wieder "Nein, nein, ich möchte etwas anderes, nicht mehr putzig sein."

Montag, 1. Dezember 2014

† × 10³

Mutter probierte nach der Scheidung verschiedene Männer aus. Einer von ihnen saß eines Abends im Advent in unserer Dresdner Wohnung, er nannte sich Wolf und hielt eine brennende Wunderkerze in der Hand. Tags darauf brachte er mich in den Kindergarten. Bis heute bestreitet Mutter, dass sie je einen Wolf gekannt habe. Wenn ich an ihn zurückdenke, mischt sich Geborgenheit mit der Frage, ob er mich getötet hätte, wenn er wollte.
Ein anderer Mann wohnte am Stadtrand von Dresden in einem Haus mit einer riesigen Spinne im Keller und besaß einen Computer, an dem er mich und meinen Bruder spielen ließ, weil es ihn überforderte, uns zu beschäftigen. Das Spiel hieß Prince of Persia und unsere Unfähigkeit, den Prinzen korrekt zu lenken, führte diesen immer wieder in die gleichen Fallen: Er wurde aufgespießt, von Guillotinen zerteilt und brach sich das Genick, all das in unmissverständlicher rotoskopierter Darstellung. Das erlebten wir gemeinsam, sprachen dabei aber kaum ein Wort.

Mutter wollte immer, dass wir leben, besonders nachdem ihr nach der Geburt meines Bruders gesagt worden war, dieser würde vermutlich nicht alt werden. Ihr Wunsch, mir und vor allem ihm Normalität zuzumuten, Dinge, die lebendige Kinder tun, brachte uns immer in Situationen, die wir als lebensbedrohlich empfanden. Kuren, in denen man seine Angstkotze wegen zu engmaschiger Siebe mit den Fingern aus dem Waschbecken holen musste und Herbstferienlager politischer Parteien. Die Zeit kurz nach dem Tod der DDR war eine, in der zahlreiche Pädagogen geistig mitstarben, aber als Untote weiterarbeiteten. Hilflos, aber brutal. Du isst jetzt dein Essen. Hör auf zu weinen.

Im Herbstcamp der Falken, für den Transport war ein Busunternehmen mit dem Namen „Taeter Tours“ engagiert worden, gerieten A. und ich auf ein Zimmer mit drei anderen Jungs, die sich kannten und unsere nicht eingeplante Anwesenheit als Belästigung empfanden. Am ersten Tag kippten sie dem vor Heimweh sich dauerübergebenden Bruder Tee ins Bett, am zweiten versuchten sie, seine Nase zuzuleimen. Ich war verzweifelt und starr vor Entsetzen, besonders als sie mir die Freundschaft anboten, wenn ich ihn denn verriete. Vorher teilten sie mir jedoch mit, dass mein Bruder eine tödliche Krankheit und nur noch ein paar Tage zu leben habe. Ich glaubte ihnen alles. Der Betreuer war überfordert und ich sehe ihn noch immer vor mir, wie er im zur „Disko“ umgedeuteten Speisesaal ekstatisch tanzt, während ich an einem Tisch sitze und über den kommenden Tod meines Bruders nachdenke. In derselben Nacht zerlegten sie sein Bett, um sich daraus eine Burg zu bauen. Er schlief deshalb auf dem Gang und am nächsten Tag vor Erschöpfung im Bus weiter. Taeter Tours. Es war sicher alles nicht so gemeint.

(Dieser Text ist heute erschienen als Teil des E-Books "Tausend Tode schreiben".  Der Herausgeber- und Autorenanteil wird an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.)